Indien 2007
Der Versuch eines Reiseberichts vom 19. August bis 4. Oktober

Erster Tag

Der Wecker klingelt um 10. Ich will nicht! Ein leichtes Gefuehl von Panik ergreift mich. Nina ist auch schon wach. Oder immer noch. Wir stehen um 10.30 auf und gehen nach unten. „Fruehstueck?“ „Ja.“ „Tee oder Kaffee?“ „Tee.“ „Was moechten Sie essen?“ „Ich bin Vegetarier.“ „Oh das ist gut.“ Es gibt Toast, gesalzende Butter und rote Marmelade. Dazu Cornflakes mit heisser Milch.

Beim Essen gesellt sich ein junger Mann zu uns. Woher wir kommen? Wie lange wir bleiben? 7 Wochen. Gut. Ob wir schon wissen, wo hin wir wollen. Ja so ungefaehr. Er kann uns bei der Reiseplanung helfen sagt er. Ich frage ihn, ob ihm das Hotel gehoert. Nein, aber er ist da,  um Touristen zu helfen. Er kann uns zu einem Office bringen, welches mit uns den weiteren Reiseablauf plant, wenn wir wollen. Wir wollen. Er sieht nicht aus wie einer von den Boesen, sagt mein Bauch.

Wir beenden unser Fruehstueck. Ein Taxi wartet schon draussen. Wieder ein Tata V2. Eine gefaehrliche Waffe. Wir fahren zusammen zu dem Buero. Eine Art Reisebuero. Sieht von aussen schaebig aus. Die Panik kommt wieder. Der Mann drinnen ist auch nett. Er fragt, ob ich Saenger waere. Ich bejahe. Es gibt wieder Tee mit Milch. Indisch Gastfreundlichkeit. Wo wir herkommen? Er kann uns eine Reise planen, zum Festpreis. Der ist zwar hoch, aber fuer 7 Wochen insgesamt akzeptabel. Alle Hotels mit Fruehstueck, groessenteils mit Fahrer, Kamelreiten in der Wueste, einige Inlandsfluege, Bahnreisen. Wir sind skeptisch. Der Bauch sagt ja. Die Paesse fuer die Buchung liegen im Hotel. Wir versprechen, abends wieder zu kommen. Dann unterschreiben wir.

Von diesem Reisebuero aus gehts mit unserem Begleiter, dem gleichen Taxi und seinem Fahrer.  In Indien faehrt man links uns sitzt als Fahrer rechts. Unser Fahrer faehrt ueberall auf der Strasse und hupt dabei. Wir fahren nach Delhi Zentrum und sehen viel: das Parlament, den Wohnsitz des Praesidenten mit schwerbewaffneten Polizisten, div. sehr saubere Parks, die Metro, die auf 15m hohen Stelzen faehrt. Das Gandhi Museum hat zu, schade. Ueberall sind Tiere, meistens Hunde. Auch Esel, Rinder und Affen, aber Katzen. Sie alle fressen Muell. Manche streiten sich mit Menschen um den Muell, andere fressen friedlich nebeneinander. An den Ampeln, an denen wir manchmal anhalten, kommen Bettler ans Auto. Sie sehen jaemmerlich aus. Sie sind jung, alt, huebsch, haesslich, verkrueppelt. Ueberwiegend weiblich. Ich frage, ob man ihnen etwas geben soll. „Das kommt auf Sie an, mit Geld machen Sie sie gluecklich. Sie haben nix zu essen.“ Auf den Buergersteigen schlafen Menschen und Hunde nebeneinander. „Man kann nicht allen helfen“. sagt unser Begleiter. Wir schliessen ein paar Sekundne die Augen, bis wir weiter fahren. Nach 2 Stunden gehts besser…

Wir sind in Old Delhi. Der Stau ist unglaublich. Eine 2-spurige Strasse wird 6-spurig befahren. Sieht aus wie Tetris fuer Fortgeschrittene: In jede Luecke faellt von irgendwo etwas hinein, was gerade passt. Dabei wir natuerlich gehupt, ohne Pause. Was passieren wuerde, wenn niemand mehr hupt? Schweigen. Fragende Gesichter. „Mit Hupen laeuft es besser, weil alle aufpassen.“ Ich beginne zu verstehen.

Viele Haeuser sind verfallen, besonders hier in Old Delhi. Die Kabel haengen aussen an den Fassaden in grossen Knaeulen herum. Alle Elektriker Europas waeren hier 2 Monate zusammen beschaeftigt. Niemanden stoerts. Die verfallenen Haeuser werden mit Holzbrettern und Stoffvorhaenger bewohnbar gemacht. Zur Not gehts auch ohne. Dann kann man vom Eingang bis zum Ausgang hinten durchschauen.

Der Wagen ruckelt. Wahrscheinlich reichen die geschaetzten 35 Diesel PS des Kleinwagens nicht aus, mit 4 Personen auf mehr als 50 km/h im 5 Gang zu kommen. Vorallem weil die Klimaanlage auf hoechster Stufe arbeitet. Irgendwo hupt wer. Ist egal. Auf dem Mittelstreifen, der eigentlich Buergersteig ist, fressen Schafe an den kargen Baeumen. Ob es in Deutschland auch so viel Verkehr gibt. Ich weiche aus. „Anders…“, sage ich. Ein Autobus mit der Aufschrift: Please Horn schiebt sich an der Beifahrertuere vorbei, ohne den Spiegel abzubrechen. Erstaunlich.

Wir fahren zurueck zum Reisebuero und legen unsere Paesse vor. Leider ist der Akku von unserer Kamera leer und wir haben kein Ladegeraet. Wir bitten um Hilfe. Ein solches Geraet gibt es angeblich auf dem Basar. Wir bekommen ein Fuehrer und gehen zu Fuss. Eine 4-spurige Strasse muss ueberquert werden. Wir warten. Ueberall wird gehupt. Dann gehen wir. Die Fahrzeuge weichen aus. Niemand wird verletzt. Nach wenigen Minuten auf dem Mittelstreifen wagen wir uns auch ueber die andere Strassenseite…

Es ist Rush-Hour auf einer Nebenstrasse von Delhi in Karol Bugh.

Der Basar ist eng. Karol Bugh ist auch der Stadtteil, in dem wir wohnen. Ohne Hilfe wuerden wir das Hotel aber nicht wieder finden. Auf dem Basar gibt es ueberwiegend Kleidung, Schmuck und portable Essenstaende. Die Vielfalt an Geruechen ist fast unertraeglich. Eine Motorrikscha draengt sich durch die Menschenmassen und hupt. Niemand geht zur Seite. Die Leute starren uns an. Verkehrsstau auf dem Basar. Alle fassen uns an. Ich habe gelesen, dass das Indern Glueck bringen soll. Fragt sich nur fuer wenn… Ich halte meine Geldboerse in der Hosentasche fester.

Wir finden auf dem Basar alles – nur kein Ladegeraet. Unser Fuehrer ist ratlos, er hat unseren Wunsch wohl nicht verstanden. Wir wollen zurueck und drehen um. Es wird langsam dunkel. Es ist 19 Uhr Ortszeit. Der Fuehrer fragt mich, ob ich Wrestling mache. Ich laechle duenn…

2 Responses to “Erster Tag”

  1. Hi Ihr Zwo,

    ist ja der Wahnsinn – Ihr habt ja schon ein halbes Buch verfasst! Bei Euren ersten Dheli-Eindrücken werden Erinnerungen an meine Indien-Reise 1998 wach.

    Ich bin froh, dass Ihr gut angekommen seid! Seid vorsichtig und genießt die Reise!

    Ganz liebe Grüße, Eure Karola

  2. Hallo – Nina & Marc,
    die ersten beiden Berichte aus Indien haben wir mit viel Interesse gelesen. -Wir wuenschen Euch eine gute Reise.
    Grüesse S. und H.-F.


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